Prognose kindeswohlgefährdenden Elternverhaltens (PROSPECT): Neues DFG-Projekt im Bereich Familienrechtspsychologie

Prof. Dr. Jelena Zumbach-Basu

Das Auftreten von Kindeswohlgefährdungen in Deutschland ist ein gesellschaftlich sehr relevantes und zudem wachsendes Problem. Wenn im Rahmen von Kinderschutzverfahren das staatliche Wächteramt greift, beauftragen Familiengerichte regelmäßig psychologische Sachverständige, um für die Kindeswohlprognose entsprechend notwendige Expertise einzuholen. Die familienrechtspsychologische Begutachtung ist in den letzten Jahren jedoch wissenschaftlich wie medial in die Kritik geraten. Kritisiert wird unter anderem, dass systematische Kenntnisse zur Reliabilität und Validität von Kindeswohlprognosen noch an vielen Stellen fehlen. Diese können jedoch wesentlich zur Verbesserung der Begutachtungsqualität beitragen.

 

Unter Leitung von Prof. Dr. Jelena Zumbach-Basu wird nun in einem neuen DFG-Projekt die Reliabilität von psychologischen Sachverständigeneinschätzungen über künftig zu erwartende Kindeswohlgefährdungen durch Elternverhalten und darauf aufbauende Gerichtsentscheidungen in Kinderschutzverfahren untersucht. Auf Basis der Gerichtsakten werden die Fälle mittels eines strukturierten Prognoseinstruments re-analysiert. Hierzu wird, aufbauend auf international vorliegenden Befunden, ein deutschsprachiges prognostisches Instrument zur Risikoeinschätzung von kindeswohlgefährdendem Elternverhalten (weiter-) entwickelt. Weiter werden Zusammenhänge der psychosozialen Gesundheit und Lebensqualität der Kinder mit der Risikoprognose und der gutachterlichen Empfehlung analysiert. Im letzten Schritt wird geprüft, ob die Sachverständigenempfehlungen durch die Gerichte in der Praxis umgesetzt werden und welche Indikatoren die Gerichte in ihrer Beschlussfassung zur Anordnung von Maßnahmen in der Praxis heranziehen.

 

Das DFG-Projekt wird an der PHB im Arbeitsbereich Familienrechtspsychologie starten und ist auf drei Jahre angelegt. In diesem Forschungsfeld ist eine derart umfassende Datenerhebung in Deutschland derzeit einmalig. Perspektivisch kann mit diesem Projekt der Grundstein für Anschlussuntersuchungen über die Validität der Prognosen und die Wirkung beschlossener Maßnahmen in Kinderschutzverfahren gelegt werden.

 

Das Projekt wird durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.

Semesteranfang an der PHB: Zurück zu Präsenz und persönlicher Begegnung im Haus der Psychologie

Begrüßung der Erstsemester im Bachelorstudium durch Prof. Siegried Preiser

Zum Beginn des Wintersemesters 2021/22 heißt die PHB alle Studierenden herzlich willkommen zurück im Haus der Psychologie! Nach drei Semestern pandemiebedingten Onlinebetriebs startet das Wintersemester an der PHB am 18. Oktober wieder fast vollständig mit Präsenzlehre. Eine Woche vor Beginn der Vorlesungszeit wurden im Rahmen der Orientierungswoche die Erstsemester persönlich von der Hochschulleitung und den Studiengangsleitungen begrüßt.

 

„Wir von der Hochschule, aber auch unsere Studierenden mussten in der Pandemiezeit viel improvisieren“, so Rektor Prof. Siegfried Preiser in seiner Begrüßung.  „Wir haben in audiovisuelle und digitale Infrastruktur investiert, und wir haben viel gelernt. Das werden wir natürlich weiterhin nutzen – aber als Präsenzhochschule steht bei uns die Interaktion, die intensive Diskussion, das gemeinsame Training und auch die persönliche Begegnung im Mittelpunkt des Hochschullebens. Wir freuen uns daher sehr darauf, wenn sich unser Campus jetzt wieder mit Ihrer Neugier auf Wissen und auf praktische Kompetenzen, aber auch mit Leben und – wie wir hoffen – mit Lebensfreude füllt.“

 

Mit dem Start des neuen Masterstudiengangs M.Sc. Psychologie: Klinische Psychologie und Psychotherapie geht die PHB im Wintersemester darüber hinaus einen weiteren, wichtigen Schritt in der Umsetzung der Psychotherapeutengesetzreform. Studierende, die eine psychotherapeutische Berufstätigkeit anstreben, können nun an der PHB vom Bachelor an ihr Studium vollständig auf die reformierte Approbationsprüfung ausrichten.

Das grüne Vorzimmer der PHB: Köllnischer Park wird nach einjähriger Sanierung wiedereröffnet

Er ist gefühlt etwas wie das „Grüne Vorzimmer“ der PHB: der Köllnische Park, der mit seinen Skulpturen, dem ehemaligen Bärenzwinger und dem Märkischen Museum nicht nur ein natürliches sondern auch ein historisches und denkmalgeschütztes Kleinod Berlins darstellt. Seit mehr als einem Jahr war der Park wegen Sanierungsarbeiten gesperrt – nun wird er am 20. Oktober 2021 in feierlichem Rahmen wiedereröffnet. Alle Studierenden und Mitarbeiter:innen der PHB sind herzlich eingeladen, an der Veranstaltung teilzunehmen.

 

Seit dem Frühsommer 2020 war der Köllnische Park aufgrund von Sanierungsarbeiten für Gäste nicht zugänglich – dabei wurden nicht nur die Wege und Grünflächen erneuert, sondern auch die Skulpturen und der Terrakottabrunnen instandgesetzt. Darüber hinaus wurden neue Bäume gepflanzt und Staudenbeete angelegt.

 

Im Rahmen einer feierlichen Übergabe werden Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel und Umweltsenatorin Regine Günther den Park nun am 20. Oktober ab 17 Uhr wiedereröffnen und die Ergebnisse der denkmalgerechten Erneuerung vorstellen. Alle Gäste sind im Anschluss dazu eingeladen, den Park bei einem warmen Getränk neu zu entdecken und mit den Projektbeteiligten ins Gespräch zu kommen. Mit Beginn der Dämmerung ist zudem eine Lichtinstallation des Künstlerkollektivs LiCHTPiRATEN geplant, die den Köllnischen Park bis etwa 22 Uhr mit Licht- und Audiofrequenzen temporär „einhüllen“ und besondere Aspekte der Parklandschaft herausstellen wird. Die Eröffnungsfeier wird auch bei Regen stattfinden – Anmeldungen zu der Veranstaltung sind nicht nötig.

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Alles nur im Kopf? Studie unter Leitung von Prof. Bondü zeigt, dass agressive sexuelle Fantasien auch aggressives Verhalten begünstigen

Obwohl angenommen wird, dass aggressive sexuelle Fantasien einen Risikofaktor für sexuell aggressives Verhalten darstellen, existiert dazu bislang erstaunlich wenig Forschung. Unter Leitung von Prof. Dr. Rebecca Bondü hat ein Forschungsteam der Psychologischen Hochschule Berlin (PHB) dieses Phänomen in den letzten Jahren im Rahmen einer Studie untersucht und nun neue Forschungsergebnisse dazu veröffentlicht. 

 

Die Ergebnisse basieren auf einer Online-Umfrage, an der 664 Personen aus der Normalbevölkerung teilgenommen hatten. Dabei gaben 77 Prozent der Teilnehmenden an, schon einmal aggressive sexuelle Fantasien in ihrem Leben gehabt zu haben. Insgesamt berichteten Männer bedeutend häufiger von solchen Fantasien als Frauen. Die Fantasien ließen sich zudem nach ihrer Intensität in verschiedene Untergruppen einteilen. Diese Untergruppen umfassten nur wenig schmerzvolle Handlungen wie Kratzen oder an den Haaren ziehen, nicht-einvernehmliche Handlungen wie unerwünschten Berührungen oder Vergewaltigung sowie sehr gewalttätige Handlungen wie Verletzungen durch Waffen.

 

Darüber hinaus zeigte die Studie erstmals, dass aggressive sexuelle Fantasien der stärkste Prädiktor für sexuell aggressives Verhalten in Form von sadistischem Verhalten waren, selbst dann, wenn andere bekannte Risikofaktoren für solches Verhalten gleichzeitig berücksichtigt wurden. Dies deutet darauf hin, dass aggressive sexuelle Fantasien solches Verhalten womöglich begünstigen und in der Forschung zu sexuell aggressivem Verhalten sowie zu entsprechenden Therapieansätzen stärkere Beachtung finden sollten.

 

Die Befunde können nachgelesen werden in R. Bondü und J. Birke (2021). Aggression-related sexual fantasies: Prevalence rates, sex differences, and links with personality, attitudes, and behavior. The Journal of Sexual Medicine. Online first. https://doi.org/10.1016/j.jsxm.2021.06.006

Dr. Inga Schalinski übernimmt Vertretungsprofessur für Klinische Psychologie und Psychotherapie

Dr. Inga Schalinski
Dr. Inga Schalinski

Die PHB heißt Dr. Inga Schalinski herzlich willkommen, die zum Wintersemester 2021/22 die Vertretungsprofessur für Klinische Psychologie und Psychotherapie von Prof. Nikola Stenzel übernommen hat.

 

Dr. Schalinski hat Psychologie an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf studiert und an der Universität Konstanz zum Thema “Psychophysiology of the Defense Cascade and its Relation to Posttraumatic Stress Disorder” promoviert. Als Wissenschaftliche Mitarbeiterin hat sie seit 2013 an der Universität Konstanz und an der Charité Berlin gearbeitet. In ihrer Forschung hat sie sich dabei vor allem mit den Themen Gewalt, Krieg und Traumata beschäftigt – wobei sie diese einerseits als ein menschliches, tief verankertes Verhalten wissenschaftlich untersucht und anderseits ihre Auswirkungen auf psychologische Funktionen, biologische Parameter und Gesundheit erforscht. Neben den Zusammenhängen von stressreichen Erfahrungen und der Gesundheit ist ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit die Behandlung von Traumafolgestörungen mittels Narrativer Expositionstherapie.

 

An der PHB wird Dr. Schalinski in den kommenden zwei Semestern die Lehre in der Klinischen Psychologie und Psychotherapie für Prof. Nikola Stenzel im Bachelorstudiengang sowie in den beiden psychologischen Masterstudiengängen übernehmen.

Virtuell und international: 19. Tagung der Fachgruppe Rechtspsychologie der DGPs wurde dieses Jahr von der PHB ausgerichtet

Die 19. Tagung der Fachgruppe Rechtspsychologie der DGPs wurde dieses Jahr erstmals von der PHB ausgerichtet. Die Konferenz hat vom 22. bis 24. September 2021 aufgrund der Pandemiebedingungen online stattgefunden. Als Keynote Speaker konnten mit Prof. Dr. Michael Seto, Dr. Taina Laajasalo und Prof. Dr. Matthias Gamer international renommierte ReferentInnen aus verschiedenen Bereichen der Rechtspsychologie gewonnen werden.

 

Die Rechtspsychologie ist an der PHB seit 2015 mit einer eigenen Professur für Rechtspsychologie (Prof. Dr. Renate Volbert) und seit 2018 zusätzlich mit einer Juniorprofessur für Familienrechtspsychologie (Prof. Dr. Jelena Zumbach-Basu) vertreten und wird durch rechtspsychologische Forschungsaktivitäten der Professur für Entwicklungs-, Pädagogische und Familienpsychologie (Prof. Dr. Rebecca Bondü) ergänzt. Die PHB stellt somit einen Ort dar, an dem thematisch vielfältige rechtspsychologische Forschung realisiert wird.

 

Von den drei rechtspsychologischen Arbeitsgemeinschaften ausgerichtet, hat die Tagung der Fachgruppe Rechtspsychologie der DGPs dieses Jahr nun erstmals an der PHB stattgefunden. Als Keynote Speaker konnten international renommierte ReferentInnen aus verschiedenen Bereichen der Rechtspsychologie gewonnen werden, die Vorträge zu aktuellen Forschungsthemen hielten:

 

  • Prof. Dr. Michael Seto (Forensic Mental Health, The Royal’s Institute of Mental Health Research, Ottawa, Canada): Psychological Risk Factors for Sexual Offending Against Children
  • Dr. Taina Laajasalo, Chief Specialist (Finnish Institute of Health and Welfare, University of Helsinki): The Barnahus-model and experiences from Finland
  • Prof. Dr. Matthias Gamer (Universität Würzburg): Können wir uns zuverlässig an traumatische Erfahrungen erinnern?

 

Aufgrund der Pandemiebedingungen hat die Tagung im Onlinemodus stattgefunden – dabei wurde jedoch mit innovativen Formaten gearbeitet, die trotz Virtualität einen lebendigen und persönlichen Auzstausch ermöglichten. Informationen zum Tagungsprogramm sind auf der Tagungswebsite verfügbar.

„Berlin will´s wissen“: PHB nahm teil an der diesjährigen Wissensstadt Berlin

Foto © Harf Zimmermann, 3D Visualisierung © Tonio Freitag

Was hält unsere Gesellschaft zusammen? Wann führt der Klimawandel zum Systemwandel? Und wie wird aus Wissen Gesundheit? Zu diesen Fragen fand  vom 26. Juni bis 22. August vor dem Berliner Roten Rathaus die „Wissensstadt Berlin“ statt – ein Projekt, in dem renommierte Berliner Institutionen  Wissenschaft transparent und erlebbar machten. Auch die PHB beteiligte sich mit Beiträgen von Prof. Dr. Rebecca Bondü und Prof. Dr. Frank Jacobi.

 

Die „Wissensstadt Berlin“ war ein durch den Berliner Senat gefördertes großes Gemeinschaftsprojekt, in dem mehr als 30 der renommiertesten Forschungsinstitutionen Berlins Wissenschaft transparent und erlebbar machten. Dabei ging es um drei große Themen: Klima, Gesundheit und Zusammenleben. Den Auftakt des vielfältigen Open-Air-Programms vor dem Roten Rathaus machte am 26. Juni eine Open-Air-Ausstellung. Neben der Ausstellung konnten BesucherInnen ein Programm aus mehr als 100 Podiumsdiskussionen, Lesungen, Kino-Abenden, Science Slams, Kinder-Uni und Workshops erleben — live und kostenlos. Im Roten Rathaus wurde darüber hinaus eine Sonderausstellung anlässlich der 200. Geburtstage des Physiologen und Physikers Hermann von Helmholtz sowie des Arztes und Politikers Rudolf Virchow angeboten.

 

Die PHB beteiligte sich mit zwei Beiträgen an dem Projekt: im Rahmen des Aktionstages am 2. Juli zeigte Prof. Rebecca Bondü mit ihrer Forschungsgruppe unter dem Titel „Das ist nicht fair!“ mit spielerischen Experimenten, wie man Sensibilität für (Un-)gerechtigkeit bei Kindern und Jugendlichen messen kann und wie sie sich auf das Verhalten der Kinder auswirkt.

 

Am 12. August präsentierte Prof. Frank Jacobi in seinem Vortrag „Corona – Mein ungebetener Zwischenmieter“ gemeinsam mit PiAs der PHB wissenschaftlich erforschte Verhaltensmaßnahmen und mentale Strategien , die Menschen helfen können, die Herausforderungen der Corona-Pandemie zu meistern.

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„Impfneid“: Neue Studie um Prof. Rentzsch untersucht Neiderfahrungen im Kontext von Covid-19

Prof. Katrin Rentzsch

Neid auf bereits geimpfte Menschen ist ein Phänomen, das im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie neu entstanden ist und in der Öffentlichkeit stark diskutiert wird. Wie verbreitet ist dieses Phänomen und womit hängt es zusammen? Diese Fragen untersucht die Forschungsgruppe um Prof. Katrin Rentzsch in ihrer aktuellen Studie „Impfneid in Zeiten von Covid-19“, bei der bereits erste Ergebnisse vorliegen.

 

Seit Jahren befassen sich Prof. Dr. Katrin Rentzsch und ihre Doktorandin Elina Erz wissenschaftlich mit dem Thema Neid. Dabei untersuchen sie, warum sich Menschen im Neiderleben unterscheiden. „Diese Fragen wollen wir nun auch in die Erforschung von Impfneid einbringen“, so Prof. Rentzsch. „Mit unserer Studie wollen wir einen wissenschaftlichen Beitrag zur aktuellen Impfneiddebatte leisten. Zurzeit wird viel Spekulation betrieben, wenn es um Impfneid geht, und es liegen kaum Erkenntnisse über die tatsächlichen Erfahrungen von Menschen vor. Wir glauben, dass die Ergebnisse unserer Untersuchungen die aktuelle Debatte an dieser Stelle bereichern werden.“

 

Für ihre Studie „Impfneid in Zeiten von Covid-19“ untersuchen die Forscherinnen mithilfe von Onlineumfragen die Einstellungen und Wahrnehmungen von geimpften und ungeimpften Personen. 1175 Personen zwischen 18 und 88 Jahren nahmen bereits an der ersten Befragung im Mai teil. Um zu untersuchen, wie sich Impfneid mit zunehmendem Fortschritt der Impfkampagne entwickelt, ist außerdem eine zweite Befragung in einigen Monaten geplant.

 

In der Befragung zeigte sich, dass Impfneid für viele Menschen ein Thema ist: Fast die Hälfte der Ungeimpften berichtete, manchmal bis sehr oft Impfneid zu erleben. Interessanterweise hing Impfneid dabei kaum mit objektiven Faktoren wie Covid-Erkrankungen im Umfeld und finanziellen Einbußen durch Corona zusammen. Auch die politische Einstellung der Personen spielte keine Rolle für das Erleben von Impfneid. Stattdessen ging Impfneid mit Sorgen um die eigene Gesundheit oder die Gesundheit anderer, einem subjektiven Bedrohungsgefühl und der Bewertung der Situation als ungerecht einher.

 

Die Wissenschaftlerinnen gehen darüber hinaus davon aus, dass Unterschiede im Impfneiderleben mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen zusammenhängen. So unterscheiden sich Menschen etwa darin, wie sensibel sie darauf reagieren, ungerecht behandelt zu werden, oder in ihrer Neigung, sich mit anderen Menschen zu vergleichen. Erste Ergebnisse zeigen, dass eine stärkere Ausprägung in diesen Neigungen mit Impfneid in Zusammenhang steht.

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Selbstregulation als psychische Ressource: Neues DFG-Projekt in Kooperation mit der Universität Potsdam und der International Psychoanalytic University

Prof. Dr. Rebecca Bondü

Selbstregulation ist die Fähigkeit, Gedanken, Gefühle und Verhalten so an die Anforderungen unterschiedlicher Situationen anzupassen, dass eigene Ziele erfolgreich verfolgt werden können. Sie gilt als wichtige Ressource für eine gesunde psychische und soziale Entwicklung. Forschung zu diesem Thema hat sich bisher jedoch vor allem auf Kinder konzentriert – über die Bedeutung und Entwicklung von Selbstregulation bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist dagegen wenig bekannt. In einem neuen Kooperationsprojekt wird sich eine Forschungsgruppe aus WissenschaftlerInnen der PHB, der Universität Potsdam und der International Psychoanalytic University nun diesem Thema widmen.

 

Das Projekt ist in der ersten von zwei möglichen Förderperioden auf drei Jahre angelegt und wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Unter dem Titel „Selbstregulation als Ressource in der Bewältigung von Entwicklungsanforderungen – eine prospektive Analyse von der mittleren Kindheit bis zur Adoleszenz“ werden die beteiligten WissenschaftlerInnen untersuchen, welche Bedeutung Selbstregulation vom Kindes- bis zum frühen Erwachsenenalters zukommt und wie sie die Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Erkrankungen beeinflussen kann. An der PHB wird die Forschungsgruppe im Fachbereich Entwicklungs-, Pädagogische und Familienpsychologie durch zwei Teilprojekte vertreten sein. Unter Leitung von Prof. Dr. Rebecca Bondü wird dabei vor allem untersucht werden, inwiefern Selbstregulationskompetenzen die Entstehung pro- oder antisozialen Verhaltens beeinflussen.

 

Die Forschungen des Kooperationsprojektes bauen auf früheren Erhebungen mit Kindern im mittleren Kindesalter auf und sind als Längsschnittstudie angelegt. Die WissenschaftlerInnen erhoffen sich dadurch neue Erkenntnisse über die langfristige Entwicklung, Wirkung und Bedeutung von Selbstregulationskompetenzen. „Selbstregulationskompetenzen beeinflussen ein Leben lang unser gesamtes Erleben und Verhalten in alltäglichen und herausfordernden Situationen. Daher ist es wichtig, sie und ihre langfristigen Wirkungen besser zu verstehen“, so Prof. Dr. Rebecca Bondü.

 

Das Projekt ist eine Gemeinschaftsprojekt der Psychologischen Hochschule Berlin, der Universität Potsdam und der International Psychoanalytic University. Es wird durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.

Arbeit in Zeiten von Corona: Neue Forschungsergebnisse zu Stresserleben und Wohlbefinden von ArbeitnehmerInnen in der Pandemie

Welche Effekte hatte und hat die Corona-Pandemie auf ArbeitnehmerInnen? Wie hat sich ihr Wohlbefinden und ihr Stresserleben unter den Bedingungen erzwungener Telearbeit verändert? Eine Gruppe von vier ForscherInnen aus Deutschland, Österreich und den Niederlanden – darunter Prof. Tim Vahle-Hinz von der PHB – hat dies in einer Studie untersucht, die besondere sozialwissenschaftliche Einblicke in die Effekte der Corona-Pandemie gewährt. Erste Ergebnisse haben die ForscherInnen nun im International Journal of Psychology veröffentlicht.

 

Die Forschungsgruppe startete 2020 mit einer Studie, in deren Rahmen sie die Auswirkungen eines neuen Urlaubskonzeptes („Unlimited Leave“) erforschen wollte. Dabei sollten Parameter arbeitsbezogenen Wohlbefindens wie Arbeitslast, Arbeitszufriedenheit, Autonomie und Work-Non-Work-Balance mit quantitativen Methoden untersucht werden. Die Erhebungsphase begann im Januar 2020. Als die Corona-Pandemie in den Niederlanden zu landesweiten Einschränkungen sozialer Kontakte führte, bedeutete dies für die Mehrzahl der am Projekt teilnehmenden Beschäftigten einen Übergang zu erzwungener Telearbeit.

 

Das Forschungsprojekt wandelte sich daraufhin zum Teil in ein nicht vorhergesehenes Feldexperiment, welches die Chance bot, Veränderungen von Wohlbefinden und Stresserleben bei den ArbeitnehmerInnen vor dem Hintergrund der Pandemieentwicklung zu beobachten. Dazu wurden die untersuchten Parameter wie Arbeitszufriedenheit, Arbeitsengagement, Work-Non-Work-Balance und Autonomieerfahrung weiter fokussiert und durch qualitative Fragen mit Pandemiebezug ergänzt.

 

Erste Ergebnisse ihrer Erhebungen haben die ForscherInnen nun im International Journal of Psychology veröffentlicht. Die Ergebnisse sind komplex und spiegeln die Verschiedenartigkeit der Herausforderungen wieder, denen sich Berufstätige seit Beginn der Pandemie gegenübersehen. Sie weisen darauf hin, dass demographische Aspekte wie Alter, Geschlecht und Familienstand einen Einfluss darauf haben können, wie Menschen die Pandemie und ihre Auswirkungen wahrnehmen. Und sie zeigen, wie Menschen – oft in auch für die ForscherInnen überraschender Weise – in der Lage sind, Krisen- und Transformationsprozesse zu bewältigen.

 

Konkret stellte sich heraus, dass Indikatoren arbeitsbezogenen Wohlbefindens unterschiedlich durch die Pandemie beeinflusst wurden, wobei teilweise sehr dynamische Entwicklungen zu verzeichnen waren. So zeigten sich die Befragten zu Beginn der Pandemie stärker zufrieden mit ihrer Arbeit als vor der Pandemie – während sie aber gleichzeitig ein sinkendes Arbeitsengagement empfanden. Im Bereich der Work-Non-Work-Balance waren zu Beginn der Pandemie, wie von den ForscherInnen erwartet, sinkende Zufriedenheitswerte zu verzeichnen – was auf Probleme in der Vereinbarung von unterschiedlichen Rollen und Lebensbereichen hindeutet. Es zeigte sich aber, dass diese Werte im Laufe der Zeit wieder positiver wurden. Die Interpretation der ForscherInnen: „It seems that once employees have adapted to the initial stress of the pandemic and to forced telework, they may also benefit in terms of enriched work and well-being.“ Vor dem Hintergrund ihrer Forschungen lautet die Empfehlung der Forschungsgruppe entsprechend: „Harnessing and increasing these positive effects is essential, because we expect that telework is here to stay and hybrid work will become the future“.

 

Informationen zum Artikel:

C. Syrek, J. Kühnel, T. Vahle-Hinz, J. de Bloom: „Being an accountant, cook, entertainer and teacher-all at the same time: Changes in employees‘ work and work-related well-being during the coronavirus (COVID-19) pandemic“ in: International Journal of Psychology, 2021 April, 7; doi: 10.1002/ijop.12761

Foto Vahle-Hinz
Prof. Tim Vahle-Hinz

Zur Person:

Prof. Tim Vahle-Hinz leitet den Fachbereich Organisations-, Wirtschaft- und Sozialpsychologie an der PHB. In seiner Forschungsarbeit widmet er sich schwerpunktmäßig der Prävention von berufsbedingten Erkrankungen sowie der Gesundheitsförderung im betrieblichen Kontext und untersucht organisationale Faktoren und Verhaltensweisen, die Beschäftigte darin unterstützen sich in ihrer Arbeit zu entwickeln (positiver Ansatz), sowie Faktoren und Verhaltensweisen, die helfen, negative gesundheitliche Folgen von Erwerbsarbeit zu verhindern (negativer Ansatz). Thematische Schwerpunkte liegen dabei auf der Untersuchung von Mechanismen, die die positive oder negative Wirkung von organisationalen Faktoren und Verhaltensweisen erklären können, sowie auf gesundheitsrelevanten Veränderungen in der Art und Weise, wie wir arbeiten (Stichwort: Zukunft der Arbeit).