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Gesprächsführung mit Kindern bei Verdacht auf Missbrauch und Misshandlung
Gespräche mit Kindern zur Abklärung möglicher Kindeswohlgefährdungen sind ein zentraler Bestandteil des Kinderschutzes in zahlreichen beruflichen Kontexten.
Zielgruppen für diese sensiblen Befragungen sind u.a.:
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Lehrkräfte und pädagogisches Personal
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Medizinisches und psychotherapeutisches Personal
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Fachkräfte im Kinderschutz und Jugendamt
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Polizei, Staatsanwaltschaft, Gerichte und psychologische Sachverständige
- Sportvereine (u.a. Vereine)
In all diesen Kontexten ist eine sensible, ergebnisoffene und kindgerechte Gesprächsführung von zentraler Bedeutung. Die Frage, wie diese Gespräche kind- und sachgerecht zu führen sind, stellt aber in der Praxis eine große Herausforderung dar.
Die Abteilung für Rechtspsychologie der Psychologischen Hochschule Berlin (PHB) engagiert sich in Forschung und Entwicklung und stellt Fachkräften wissenschaftlich fundierte Instrumente zur Verfügung. Dazu zählen Erkenntnisse zur Gesprächsführung mit Kindern, evidenzbasierte Leitfäden sowie Beratung und Schulungen zur kindgerechten Gesprächsführung in verschiedenen Kontexten.
ViContact E-Learning und Virtual Reality Training: Ihr Weg zur sicheren Gesprächsführung bei Missbrauchs- und Misshandlungsverdacht
Blended-Learning und Virtual Reality (VR)
Das Training nutzt einen modernen Blended-Learning-Ansatz in einem modularen Aufbau:
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E-Learning-Programm: Vermittlung des theoretischen Wissens und des empirischen Befragungsmodells.
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Virtual Reality (VR) Gesprächssimulation: Praktische Übung der Gesprächsführung in einer realistischen, geschützten VR-Umgebung.
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Ergänzende Präsenzsitzung: Bietet Raum für Austausch und die Besprechung von Fallkonstellationen aus der Praxis.
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Optionales Supervisionsmodul: Ermöglicht eine individuelle Rückmeldung zu Gesprächen aus der eigenen beruflichen Praxis.
Im Zentrum unserer Arbeit steht ein empirisch fundiertes Befragungsmodell, das darauf abzielt, die Qualität der Aussagen von Kindern zu maximieren und ihr Wohlbefinden zu sichern. ViContact ist ein spezialisiertes, wissenschaftlich evaluiertes Trainingssystem zum Erlernen der evidenzbasierten Gesprächsführung bei Missbrauchs- und Misshandlungsverdacht. Die Entwicklung von ViContact wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.
Das ViContact-Training stärkt Fachkräfte darin, mit potenziell belasteten Kindern frühzeitig ins Gespräch zu kommen. Dies leistet einen wirksamen Beitrag zum Kinderschutz, da frühe Offenbarungen schnelle Hilfemaßnahmen ermöglichen. Sie lernen
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Wie Sie durch die richtigen Fragen und angemessenes Gesprächsverhalten Kinder in ihrem Berichten unterstützen und gleichzeitig fehlerhaften Angaben vorbeugen können
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Wie Sie typische herausfordernde Situationen in Gesprächen mit Kindern bewältigen
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Wie sich der individuellen Entwicklungsstand des Kindes und psychische Besonderheiten berücksichtigen lassen
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Wie Gespräche angemessen dokumentiert werden
Wissenschaftliche Evaluation und Grundlage
Eine randomisiert-kontrollierte Evaluationsstudie (Krause et al., 2024) belegte durch die Teilnahme am ViContact Training eine deutliche Verbesserung der Gesprächsführungskompetenz und eine Stärkung der Selbstwirksamkeit. Teilnehmende stellten nach dem Training in den Gesprächssimulationen mehr offene Fragen, verhielten sich sozio-emotional unterstützender und fanden häufiger heraus, was die virtuellen Kinder „erlebt“ hatten. Sie berichteten zudem, sich durch das Training darin bestärkt zu fühlen, Kinder in Verdachtsfällen von sich aus anzusprechen und die Gespräche angemessen führen zu können. Ein Praxistest mit Mitarbeitenden aus dem Kinderschutz und der sozialen Arbeit zeigte, dass auch erfahrende Praktikerinnen in ähnlichem Umfang von dem Training profitieren.
- Krause, N., Gewehr, E., Barbe, H., Merschhemke, M., Mensing, F., Siegel, B., Müller, J. L., Volbert, R., Fromberger, P., Tamm, A., & Pülschen, S. (2024). How to prepare for conversations with children about suspicions of sexual abuse? Evaluation of an interactive virtual reality training for student teachers. Child Abuse & Neglect, 149, https://doi.org/10.1016/j.chiabu.2024.106677
- Tamm, A., Otzipka, J., & Volbert, R. (2021). Assessing the Individual Interviewer Rapport-Building and Supportive Techniques of the R-NICHD Protocol. Frontiers in Psychology. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2021.659438
- Gewehr, E., Hensel, B., & Volbert, R. (2021). Predicting disclosure latency in substantiated cases of child sexual abuse. Child Abuse & Neglect, 122, 105346. https://doi.org/10.1016/j.chiabu.2021.105346
- Gewehr, E., Volbert, R., Merschhemke, M., Santtila, P., & Pülschen, S. (2025). Cognitions and emotions about child sexual abuse (CECSA): development of a self-report measure to predict bias in child sexual abuse investigations. Psychology, Crime & Law, 1–21. https://doi.org/10.1080/1068316X.2024.2443448
- Mensing, F., Gewehr, E., Merschhemke, M., & Pülschen, S. (2024). Measuring teacher’s capabilities: Development of the CSA-SE scale for assessing teachers’ self-efficacy in addressing suspected cases of child sexual abuse. Child Protection and Practice, 2, https://doi.org/10.1016/j.chipro.2024.100049
Handreichungen und Publikationen für die Praxis
- Gewehr, E., & Pülschen, S. (2025). Die »ViContact«-Trainings: Gesprächsführung mit Kindern bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung, FORUM Sexualaufklärung und Familienplanung: Informationsdienst des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG), 1, 55–60.
https://doi.org/10.17623/BIOEG_SRH:forum_2025-1_vicontact - Tamm, A., Gewehr, E. & Volbert, R. (2022). “Erzähl mal, was passiert ist.“ Gesprächsführung mit Kindern bei Verdacht auf Missbrauch und Misshandlung. Report Psychologie, 47 (10), 16-22.
- Tamm, A., Gewehr, E. & Volbert, R. (2022). Gesprächsführung im Verdachtsfall von Misshandlung. Deutscher Kinderverein: Broschüre für Erzieher*innen, Schulsozialarbeiter*innen und Lehrkräfte. http://deutscher-kinderverein.de/kindesmisshandlung/
- Volbert, R. (2015). Gesprächsführung mit von sexuellem Missbrauch betroffenen Kindern und Jugendlichen. In J. Fegert, U. Hoffmann, E. König, J. Niehues & H. Liebhardt (Hrsg.), Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen. Prävention und Intervention für Fachkräfte im medizinischen, psychotherapeutischen und pädagogischen Bereich (S. 185-194).
- Korkman, J., Otgaar, H., Geven, L.M., Bull, R., Cyr, M., Hershkowitz, I., Mäkelä, J-M., Mattison, M., Milne, R., Santtila, P., van Koppen, P., Memon, A., Danby, M., Filipovic, L., Garcia, F.J., Gewehr, E., Gomes Bell, O., Järvilehto, L., Kask, K., Körner, A., Lacey, E., Lavoie, J., Magnusson, M., Miller, Q.C., Pakkanen, T., Peixoto, C.E., Perez, C.O., Pompedda, F., Su, I., Sumampouw, N.E.J., van Golde, C., Waterhouse, G.F., Zappalà, A., & Volbert, R. (2024). White paper on forensic child interviewing: Research-based recommendations by the European Association of Psychology and Law. Psychology, Crime & Law, 0(0), 1–44. https://doi.org/10.1080/1068316X.2024.2324098
- Eine Zusammenfassung des White Papers („Policy Brief“) ist u.a. auf Deutsch hier verfügbar: https://heuni.fi/-/child-forensic-interviews-pb#201ea956
- Niehaus, S., Volbert, R. & Fegert, J. (2017). Entwicklungsgerechte Befragung von Kindern in Strafverfahren. Heidelberg: Springer.
- Volbert, R., Tamm, A. & Gubi-Kelm, S. (2021). Umsetzung einer kindgerechten Justiz im strafrechtlichen Verfahren. Ein Beitrag aus psychologischer Perspektive. In: Deutsches Kinderhilfswerk (Hrsg.). Handreichung für Richter*innen. Arbeitshilfe zur Ausgestaltung einer kindgerechten Justiz im Familiengerichts- und Strafverfahren (S. 34-62). Berlin.
https://www.dkhw.de/fileadmin/Redaktion/1_Unsere_Arbeit/1_Schwerpunkte/2_Kinderrechte/2.19_Kindgerechte_Justiz/DKHW_Handreichung_fuer_RichterInnen_050422_final.pdf
Presse und Aktuelles
Interview mit der Landesfachstelle Prävention Sexualisierte Gewalt NRW anlässlich des Europäischen Tages zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung und sexueller Gewalt am 18.11.2024: „Mehr Handlungssicherheit dank neuer Technologien. Ein innovatives Training für Fachkräfte zur Gesprächsführung im Verdachtsfall sexualisierter Gewalt“
Über uns
Anett Tamm (Dipl.-Psych., Fachpsychologin für Rechtspsychologie) hat als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Psychologischen Hochschule Berlin das Trainingssystem zur Gesprächsführung in Verdachtsfällen von Missbrauch und Misshandlung „ViContact“ mit entwickelt. In der Forschung gilt ihr besonderes Interesse der unterstützenden Gesprächsführung. Außerdem arbeitet sie als psychologische Sachverständige mit Schwerpunkt Aussagepsychologie. Sie ist Mitbegründerin des Zentrums für Aussagepsychologie in Berlin und unterrichtet neben der Gutachten- und Forschungstätigkeit Personen diverser Professionen zu aussagepsychologischen Themen.

Prof. Dr. Elsa Gewehr (M. Sc. Psychologie, M. Sc. Rechtspsychologie) ist als Rechtspsychologin in Wissenschaft und Praxis tätig. Sie ist Mitentwicklerin des ViContact Trainingssystems und aktuell als Professorin für Kriminalpsychologie an der Macromedia University of applied Sciences in Berlin tätig. Zuvor war sie Mitarbeiterin an der Psychologischen Hochschule Berlin und promovierte bei Prof. Dr. Renate Volbert zu individuellen Unterschieden im suggestiven Frageverhalten von Erwachsenen in Gesprächen mit Kindern über sexuellen Missbrauch. In der Praxis ist sie als aussagepsychologische Sachverständige in Strafverfahren tätig und Mitglied des Zentrums für Aussagepsychologie Berlin.

Prof. Dr. Renate Volbert ist Professorin für Rechtspsychologie mit Schwerpunkt Aussagepsychologie an der Psychologischen Hochschule Berlin. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen die Beurteilung der Glaubhaftigkeit von Aussagen, Suggestion, Gesprächsführung in forensischen Befragungen und sekundäre Viktimisierung. Sie war eine der Projektleiter*innen des Forschungsprojekts ViContact. Sie ist Fachpsychologin für Rechtspsychologie BDP/ DGPs und als aussagepsychologische Sachverständige tätig.